Ja, den Abend hatte ich mir auch anders vorgestellt. Ich habe extra für Mikko und mich einen Platz in der Plenarsitzung im Bundestag gebucht, was du hier kostenfrei tun kannst und mich schon sehr darauf gefreut. Wir sind jetzt schon 2-3 Mal dort gewesen und es war bisher wirklich sehr interessant.

Vor allem das Mikrokosmos, wie es Mikko nennt und die Atmosphäre zwischen den Parteien ist spannend zu beobachten, finde ich.

Als wir ankamen, brach ein Feueralarm aus, weswegen wir erstmal in der Kälte warten mussten. Aber der schöne Weihnachtsbaum vor dem Bundestag war schön anzusehen und hat ein wenig Abhilfe geschaffen.

Was danach geschah, hätte ich so nicht voraussehen können.

Wir gehen hinein und nach allen Sicherheitskontrollen und Taschenabgabe, das Telefon abgegeben, begeben wir uns auf die Tribüne im Plenarsaal.

Ich habe mich gefreut, wirklich, denn es ist einfach spannend bei der Politik in unserem Land auf Bundesebene direkt dabei zu sein.

Was genau im Bundestag geschieht, findest du hier. Da kannst du sogar jede Rede der Abgeordneten ansehen.

Wir setzen uns in die erste Reihe und sehen gegenüber auf den großen digitalen Bildschirmen die TOP, Tagesordnungspunkte angezeigt. Im Moment spricht ein Mann sehr emotional. Den TOP habe ich schon wieder vergessen. Die nächsten TOP lauten: „Schutz von Frauen vor Gewalt“ und „Stiefkindadoption in Nichtehelichen Partnerschaften“ oder ähnlich.

Ich schaue durch den Saal, welche Politiker ich erkenne und welche ich vermisse. Ich sehe Jens Spahn, Renate Künast, Alexander Gauland, später Franziska Giffey und viele Gesichter, die mir nicht sofort etwas sagen.

Es ist bisher immer sehr spannend gewesen, die Atmosphäre im Bundestag zu beobachten, die Emotionen der Redner zu spüren, vor allem aber zu sehen, dass die Abgeordneten ständig an ihren Smartphones oder iPads sitzen und irgendetwas (hoffentlich politisches, Themen bezogenes) lesen, sich unterhalten, oder gar völlig teilnahmslos das Geschehen verfolgen.

Ihr müsst da unbedingt mal hin. Es ist einfach toll!

Anyways, das TOP wechselt, es sind 35 Minuten angesetzt und ca. 5 Redner erscheinen nach einander unter Angabe ihrer Minutenzahl auf dem Bildschirm hinter dem Präsidenten.

Die erste Rednerin beginnt und nach nur 4 Sätzen spüre ich, wie Tränen in meine Augen schießen. und schließlich meine Wangen hinunter kullern.

Es fallen Worte wie: häusliche Gewalt, Gewalt gegenüber Frauen, Frauenhäuser, nicht genug Aufnahmeplätze…

Mir wird ganz warm, meine Atmung stockt, wird abrupt. Auf einmal kommen mir die Bilder von damals in den Kopf. Unser Zuhause. Die Vorwürfe. Das Unverständnis. Die zerrüttete Vergangenheit und der Schmerz. Purer Schmerz steigt in mir auf. Schmerz, den ich bisher nicht kannte. Von dem ich nichts wusste.

…und die nächste Abgeordnete fährt fort: sexuelle Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen…

Meine Mutter. Die Bilder, der Streit. Die Kleidung, das Haus. Die Menschen. Die Nacht.

Die Tränen schießen mir in die Augen und laufen meine Wangen hinunter. Mit jeder neuen Rednerin vorn im Bundestag und ihren Einleitesätzen steigt starke Emotion erneut in mir auf und ehe die Tränen trocknen, steht schon die nächste Rednerin in den Startlöchern und wartet darauf ihren Beitrag zum TOP zu leisten, ihre Forderungen und Errungenschaften, Ergebnisse und Wünsche an den Beratungsausschuss zu äußern, was mir erneut die Tränen in die Augen schießt.

Wow, ich habe mich auf den Abend gefreut, aber das habe ich nicht erwartet.

Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder in häuslichem Umfeld ermordet oder Oper eines Gewaltverbrechens.

Jeden Tag passieren über 55 Taten sexueller Gewalt und Übergriffe in Deutschland.

Die Frauenhäuser laufen über.

Die Frauen haben Scham, sich bei der Polizei zu melden, oder Angst von ihren Peinigern verfolgt zu werden.

Der Schmerz in mir sitzt tief. So tief, dass er mir nicht begegnet ist, seit einer langen Zeit. So tief, dass wir mitten in der Sitzung die Tribüne verlassen, auf mehrmalige Nachfrage Mikkos, der sieht, dass er mir zunehmend schlechter geht.

Ich hoffte, das Thema wäre bald vorbei, schließlich waren ja nur 35 Minuten angesetzt und meine Emotionen würden abebben und ich mich wieder fangen. Aber nein, neue Rednerin, neue Tränen.

Naja, und jetzt sitze ich daheim, weil ich es loswerden will. Es aufschreiben und erkennen will, den Schmerz, in mir, der seit 20 Jahren in mir ruht. Bis jetzt.

Und ich denke an meine Mutter, und hätte gehofft, dass sie damals schon die Hilfe gehabt hätte, die Frauen jetzt durch den gerade eingesetzten Beratungsausschuss, den geplanten 30 Mio. EUR Zuschuss zum Ausbau der Frauenhausplätze, der Aktion „Stärker als Gewalt“ und durch die Erleichterung und Anonymisierung der Spurenaufnahme erhalten können.

Und es tut mir einfach wirklich so leid. Es tut mir einfach so leid. Niemand, keiner Frau, keinem Mann sollte solch ein Leid erfahren, keiner soll Oper von häuslicher oder Gewalt im Alltag werden.

Leider sagen die Statistiken etwas anderes: jeder kenne eine Frau, die Oper häuslicher Gewalt sei, so die Aussage im Plenum.

Und ohne zu nicken, stimme ich innerlich zu und äußerlich mit meinen Tränen. Und überlege jetzt erst einmal, wie ich meine Emotionen einordnen und ihnen Raum geben kann, zu sein. Damit ich sie hoffentlich bald auch wieder gehen lassen kann. Denn die Vergangenheit kann ich leider nicht ändern, auch wenn ich es gern würde.

Und wenn du das jetzt liest, und du kennst eine Frau oder einen Mann, der dir von häuslicher Gewalt berichtet, oder du selbst betroffen bist, dann bitte wende dich an die zuständige Stelle oder schreibe mir hier und ich helfe dir, einen Weg zu finden, die richtige und vertrauensvolle Stelle zu finden.

Bitte stehe für dich ein. Lass‘ dir keine Gewalt antun oder gefallen, weder psychisch noch physisch.

In Liebe, Lisa

PS: Mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ gibt es unter der kostenlosen Telefonnummer 08000 – 116 016 Unterstützung und Hilfe bei allen Formen von Gewalt gegen Frauen. Neben den betroffenen Frauen können sich auch Angehörige, Freunde und Menschen aus dem sozialen Umfeld sowie Fachkräfte an das Hilfetelefon wenden. Das Hilfetelefon ist rund um die Uhr erreichbar, die Beratung ist vertraulich, kostenlos und wird auf Deutsch und in 17 weiteren Sprachen angeboten.

Photos by Janosch O.